-von Janni Nagel 

Du glaubst nicht, was ich gerade in der U-Bahn gesehen habe…“ lustige und absurde Begegnungen und Erlebnisse aus den öffentlichen Verkehrsmitteln, können der Aufhänger jedes Gesprächs sein. Doch immer öfter begegnen wir den traurigen Schicksalen derer, die sich mit dem Verkauf der Straßenzeitung oder dem Musizieren ihren Lebensunterhalt in den U-Bahnen verdienen müssen.

Andreas Schlamm ist Leiter des Bereichs Bildung bei der Berliner Stadtmission und beantwortet in einem Interview Fragen über die Situation der Wohnungslosen.

1. Vielen von uns Studenten scheint es, als würden immer häufiger Menschen ohne festen Wohnsitz in U-Bahnen nach Geld und Essen fragen, können Sie das mit Zahlen bestätigen? 

Ja, die subjektive Wahrnehmung kann ich bestätigen. Die Zahl der Wohnungslosen (Menschen ohne eigene Wohnung, die aber z.B. bei Freunden unterkommen) sowie Obdachlose (Menschen, die tatsächlich auf der Straße leben) steigt. Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe geht allein für die Jahre 2017 und 2018 von einem Zuwachs von 350.000 Wohnungslosen in Deutschland auf insgesamt 1.2 Mio. aus.

2.  Was sind die Aufgaben der Berliner Stadtmission?

Die Aufgaben der Berliner Stadtmission sind vielfältig. Vielen Berlinerinnen und Berlinern sind vor allem unser Kältebus und die Bahnhofsmission am Zoo bekannt. Etwa die Hälfte aller Notschlafplätze im Winter wird von der Stadtmission bereitgestellt. In der Tat ist die Arbeit mit Wohnungslosen ein großer Schwerpunkt unserer Arbeit: Beratungsstellen, Ambulanz, Mobile Einzelfallhelfer, Wohnhilfen…

3. Die hohe Anzahl an Menschen, die nach Geld fragen, macht es uns unmöglich jedem etwas zu geben. Wie können wir uns trotzdem engagieren?

Die Berliner Stadtmission hat mehr Ehrenamtliche als berufliche MitarbeiterInnen! Es gibt vielfältige Möglichkeiten sich zu engagieren; auch in der Arbeit mit Wohnungslosen. Infos unter www.berliner-stadtmission.de/ehrenamt.

4. Immer öfter sehen wir auch sehr junge Menschen oder gar Eltern mit Kindern. Ist nicht jedes Kind in Deutschland bis zu einem gewissen Alter schulpflichtig?

Ja, die Schulpflicht gilt natürlich für alle Kinder und Jugendlichen. Dass ganze Familien mit Minderjährigen auf der Straße leben, ist ein relativ neues Phänomen und stellt Behörden und uns als freie Träger vor neue Herausforderungen. Der Berliner Senat hat jetzt eine erste Notunterkunft für von Wohnungslosigkeit betroffene Familien eingerichtet.

5. Wo sehen Sie die effektivsten Ansätze, um die generelle Lage der Wohnungslosen zu verbessern? 

Wohnungslosigkeit ist u.a. eine Folge einer verfehlten Wohnungsbaupolitik. Es fehlt z.B. seit Jahren an Förderprogrammen für sozialen Wohnungsbau. Viele Städte und Kommunen haben in den letzten 25 Jahren ihre Wohnungsbestände an private Investoren verkauft, um ihre Haushaltslage zu verbessern, und haben deshalb jetzt nur wenige Spielräume, um Menschen mit geringen Einkommen Sozialwohnungen zur Verfügung zu stellen. Sozialer Wohnungsbau muss wieder deutlich stärker gefördert werden.

Es gibt nur wenige Studien zur psychischen Gesundheit Wohnungsloser, aber Fachleute gehen davon aus, dass 75% der Obdachlosen behandlungsbedürftig sind. Obdachlosigkeit ist nicht selten die Folge einer nicht behandelten psychischen Beeinträchtigung. Unser Gesundheitssystem ist aber auf diese Menschen nur unzureichend eingestellt. Es müssen viel stärkere Brücken zwischen Sozialhilfe und Gesundheitssystem gebaut werden. Ich halte eine Intensivbegleitung Obdachloser über einen längeren Zeitraum, multiprofessionelle Teams und Case-Management für wirksam.

Wir brauchen auch mehr politische bzw. sozialethische Bildung, um Schulklassen und andere Gruppen über Hintergründe von Obdachlosigkeit zu informieren, Lösungsansätze zu entwickeln und Solidarität zu fördern. Wir sind zuversichtlich eine „Lernwelt Armut & Obdachlosigkeit“ im Bahnhof Zoo aufbauen zu können.

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