In ein paar Tagen ist es soweit: Am Freitag, dem 18. Mai startet die zweite Staffel „Tote Mädchen lügen nicht“ (Originaltitel „13 Reasons Why“) auf Netflix. Ätzte finden, dass diese Serie verboten werden sollte, warum erklärt Psychiaterin Elke Broos. 

– von Jasmin Pfanzelter

Die Dramaserie handelt von Jugendlichen der fiktionalen Schule „Liberty High“ in Amerika. Ihre Klassenkameradin Hannah Baker (gespielt von Katherine Langford) begeht Suizid und hinterlässt Kassetten. Auf diesen Kassetten erzählt sie ihre Geschichte und beantwortet die Frage, warum sie sich das Leben genommen hat und wen sie dafür verantwortlich macht.

Die zweite Staffel der Netflix-Serie startet am 18. Mai und soll aus der Perspektive der anderen Charaktere erzählt werden. Dabei stehen auch nicht mehr Hannahs Kassetten, sondern Polaroid Fotos im Vordergrund. Der Sinn der zweiten Staffel, ist das Bild von Hannah und ihrer Reise zu verkomplizieren.

The tapes were just the beginning. May 18.

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Die erste Staffel von „Tote Mädchen lügen nicht“ kam vor allem bei Jugendlichen gut an, weil es gesellschaftskritische Themen wie Mobbing, Suizid, sexuelle Belästigung und Vergewaltigung anspricht. Genau deshalb erntete die Serie aber auch sehr viel Kritik von allen Seiten.

Die Organisation „Parents Television Council“ aus Amerika fordert seit der Veröffentlichung der Serie den Abbruch der Produktion. Zuerst sollen Experten feststellen, ob der Konsum von „Tote Mädchen lügen nicht“ für Jugendliche sicher ist.
Auch der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte in Deutschland fordert ein Verbot der Serie. Der Verbandssprecher Josef Kahl fürchtet, dass die Serie Jugendliche, die sich mit dem Suizid bzw. dessen Idee beschäftigen, in Richtung Tat beeinflusst werden können. Dies sei so, weil „Tote Mädchen lügen nicht“ einen gelungenen Versuch eines Suizids zeigt.

 

Wie sehen Fachärzte „Tote Mädchen lügen nicht“?

Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie (in St. Gallen) Elke Broos klärt auf, wie sehr die Serie Jugendliche und auch Erwachsene beeinflussen kann und was sie von der Dramaserie hält.

Wie finden Sie es, dass Tabuthemen wie Mobbing, Suizid, sexuelle Belästigung und Vergewaltigung in einer Serie angesprochen und auch gezeigt werden?

Grundsätzlich finde ich es nicht gut, bezogen auf Serien. Anders verhält es sich mit Dokumentationen, Reportagen und Analysen auf fachlich-wissenschaftlicher Basis.

Die Organisation „Parent Television Council“ will die Serie verbieten und fordert wissenschaftliche Untersuchungen, ob der Konsum der Serie für Jugendliche „sicher“ ist. Was halten Sie davon? Glauben Sie eine Serie kann bzw. muss „sicher“ sein, damit Jugendliche sie ansehen können? (Netflix selbst empfiehlt eine Altersfreigabe von 16 Jahren)

Davon halte ich viel und würde mich diesen Forderungen anschliessen. Wegen der „Sicherheit“ auch die sorgfältige Themenauswahl bzw. Ausschluss derartiger Themen. Eine solche Altersfreigabe halte ich für pseudoberuhigend bzw. ein Alibi ohne wirklichen Orientierungswert.

In der Serie wird der Suizid der Schülerin Hannah Baker gezeigt. Glauben Sie, dass Jugendliche den Suizid dadurch als einen „Weg“ aus einer schwierigen Situation sehen?

Ja, das halte ich für möglich. Eine hohe Vorbild- und Nachahmungswirkung ist eher wahrscheinlich.

Glauben Sie Erwachsene und Jugendliche sollten sich die Serie ansehen bzw. nicht ansehen?

Ich selbst habe die Serie nicht gesehen und plane es auch nicht. Ich würde diese Serie Jugendlichen grundsätzlich nicht empfehlen. Anders verhält es sich mit Erwachsenen, hier ist von einer persönlichen Entscheidungsfreiheit und hoffentlich auch -kompetenz auszugehen.

Sehr viel mehr halte ich von themenzentrierten Diskussionen, Reportagen, Berichten zur sachlich-vertiefenden Wissensvermittlung ohne ungeschützte (Altersfreigabe hier: pseudo-Funktion), primär kommerziell begründete Überflutung mit belastendem visuellen Material, mit möglichen – im therapeutischen Alltag häufig anzutreffenden –verheerenden Folgen.

Beitragsbild: Joanna Malinowska (licensed under CC0 Creative Commons)

 

Ihr habt suizidale Gedanken? Hilfe bietet die Telefonseelsorge. Sie ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr unter 0800/1110111 und 0800/1110222 erreichbar. Auch eine Beratung per E-Mail ist möglich.

Eine Liste mit bundesweiten Hilfsstellen findet sich auf der Seite der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention.

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