Pfarrer Otez Ivan auf der Prämiere des Dokumentarfilms „Otez Ivans Arche“ in Hamburg

Man findet sie mit auffällig großen Taschen in viel zu teuren Modegeschäften, als illegale Arbeiter auf unübersichtlichen Baustellen sowie mit Eimern und Wischern an roten Ampeln – bulgarische Migranten in Deutschland

Sie sind Armutsflüchtlinge, Scheinselbstständige und erschleichen sich Kindergeld: Deutschland öffnet die Tür für das ärmste Land der EU – Bulgarien.

Seit Januar 2007 gehört Bulgarien zu den Mitgliedstaaten der EU. Anfang 2014 galt erstmals die volle Arbeitnehmerfreizügigkeit für bulgarische und rumänische Bürger in Deutschland, was bedeutet: Fortan brauchen bulgarische und rumänische Staatsbürger keine offizielle Arbeitserlaubnis mehr und sind auf dem Arbeitsmarkt mit deutschen Staatsbürgern gleichgestellt.

„Wer betrügt, der fliegt!“

Kurz vor dem Jahreswechsel 2014 machte die CSU Front gegen sogenannte Armutszuwanderer. „Wer betrügt, der fliegt!“ hieß der zugespitzte Slogan. Die Sorge des Missbrauchs der deutschen Sozialsysteme durch die eintretende Arbeitnehmer-Freizügigkeit für Bulgaren und Rumänen in Deutschland ist groß.

Was ist dran an dieser Sorge?

Der IMI (Index zur Messung von Integration) stellte fest, dass die am besten integrierte Gruppe der Migranten aus den sonstigen Ländern der EU-27 (ohne Südeuropa) stammen. An diesem Ergebnis haben auch die in der Gruppe erstmals mit berücksichtigten Migranten aus den neuen EU-Beitrittsländern Bulgarien und Rumänien nichts geändert. Auch von dort kommen größtenteils gut bis hochqualifizierte Migranten, die sich auf dem Arbeitsmarkt integrieren.

Tut was gegen Vorurteile, informiert Euch!

Das größte Problem stellt – wie so oft – die Unwissenheit dar. Zwar gehört Bulgarien seit 2007 zur EU, doch kennt der Großteil der Deutschen kein bulgarisches Nationalgericht, geschweige denn das Land selbst. Wie viel Potenzial und Motivation in Bulgarien herrscht, lässt sich aus der Ferne schwer betrachten.

Ein am letzten Sonntag erstmals in Hamburg aufgeführter Dokumentarfilm Zu Besuch in Otez Ivans Arche, der das Projekt eines orthodoxen Pfarrers in Bulgarien zeigt, welcher über Spenden Häuser aufkaufte und so eine autonome Heimat für Bedürftige schuf, bot mir Eindrücke in Bulgariens Kultur, Probleme und insbesondere in die Motivation zum sozialen Aufstieg.

Bulgarische Filmwoche in Berlin

Weitere Filme über Bulgariens Geschichte, Kultur und Projekte sind zur bulgarischen Filmwoche Ausgerechnet Bulgarien im Berliner Kunst- und Kulturzentrum der Brotfabrik zu sehen. Heute wird das Making Of des jungen, international erfolgreichen bulgarischen Spielfilms Viktoria von Maya Vitkovas gezeigt, in dem es um ein Mädchen geht, das zu Zeiten des Kommunismus ohne Nabelschnur geboren und gegen den Willen ihrer Mutter, die seit Jahren davon träumt in den Westen zu fliehen, zum Baby der Zukunft ernannt wird. Außerdem wird Georgi Stoevs Dokumentarfilm Bread and TV aufgeführt, der über den Betreiber des ersten und bislang einzigen Roma Fernsehsenders Bulgariens berichtet.

 Text: Victoria Alexiev

Bild: Victoria Alexiev