re_publica_berlin_2017

– von Victor Redman

Vom 8. bis 10. Mai fand in Berlin die 11. jährliche re:publica statt, diesmal unter dem Motto „Love Out Loud“. Aber was passiert eigentlich auf Europas größter Konferenz für die digitale Gesellschaft? Längst ist die re:publica viel mehr als nur ein Spielplatz für Blogger, YouTuber und Medienmacher – obwohl auch die natürlich weiterhin auf ihre Kosten kommen.

In den letzten Jahren sind die digitale und die analoge Gesellschaft aber weitestgehend miteinander verschmolzen – was im Internet passiert, beeinflusst die reale Welt und umgekehrt. Das spiegelte sich auch in den Themen der diesjährigen re:publica wider, die sich politischer gestaltete denn je, ohne dabei aber Kunst, Kultur und Bildung zu vernachlässigen.

Das sind die 10 wichtigsten, spannendsten und skurrilsten Gedanken der re:publica 2017:

1. Zur Bedeutung der freien Presse

Auf der Eröffnungsveranstaltung der re:publica sprachen dieses Jahr mehrere verfolgte Journalisten. Standing Ovations gab es für Can Dündar, den ehemaligen Chefredakteur der türkischen Tageszeitung Cumhuriyet. „Für Journalisten im Westen“, sagte er, „ist die Freiheit der Presse ein Vorteil, ein normaler Teil des Lebens. In der Türkei ist die Freiheit der Presse ein Vorteil, für den wir jeden Tag kämpfen müssen – manchmal auf Kosten unseres Lebens.“

2. Zur „Lügenpresse“

Einen Kampfbegriff von Donald Trump darf man sich nicht unreflektiert zu eigen machen, findet Niddal Salah-Eldin von WeltN24. Deshalb plädierte sie dafür, das Modewort „Fake News“ aus dem öffentlichen Diskurs zu verbannen. Sie kritisierte die mangelnde Trennschärfe des Begriffs und riet, je nach Sachlage besser von Falschmeldungen, Propaganda oder Recherchefehlern zu sprechen.

3. Zum Islam in den Medien

Als „Clash of Digitalizations“ bezeichnete Saud Al-Zaid die Wirkung der modernen Medien auf die Konflikt zwischen dem Islam und der westlichen Welt: Die durchweg negative Darstellung von Muslimen würde Ängste auf der einen und Zorn auf der anderen Seite schüren.

4. Zum mobilen Storytelling

Snapchat ist nicht nur was für 14-jährige und eignet sich durchaus auch zur Berichterstattung, findet Claas Weinmann von der BILD. Seine Snapchat-Reportage aus Mossul erreichte ein weltweites, großenteils neues Publikum.

5. Zum Grundeinkommen

Andrea Nahles, Bundesministerin für Arbeit und Soziales, stellte sich der Frage, ob es im Zuge der fortschreitenden Digitalisierung Zeit wäre für ein bedingungsloses Grundeinkommen in Deutschland. Noch konnte das Konzept sie allerdings nicht überzeugen – auch ein Grundeinkommen bedeute schließlich die Abhängigkeit vom Staat, argumentierte Nahles.

6. Zu den Bundestagswahlen

Werden die Wahlen 2017 im Netz entschieden? Trotz Social Bots, Micro Targeting und Daten-Leaks sehen deutsche Poltiker_Innen – zumindest auf der re:publica – den kommenden Bundestagswahlen gelassen entgegen. Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer, und ein Tweet entscheidet keine Wahl, so lautete der Tenor. Dennoch waren die Diskutanten sich einig, dass keine Partei heute mehr um einen Wahlkampf im Internet herumkäme oder davor zurückschrecken dürfe.

7. Zur Zukunft des Geschichtenerzählens

John Gaeta vom ILMxLAB sprach über de Möglichkeiten von immersiven Storytelling am Beispiel „Star Wars“. Virtual und augmented Reality prophezeite er eine große Zukunft, betonte aber gleichzeitig: Content ist und bleibt King.

8. Zum Wert der Fantasie

Katja Böhne von der Frankfurter Buchmesse GmbH stellte nicht nur ihre Lieblingswerke aus dem Bereich der Science-Fiction vor, sie betonte auch die Wichtigkeit des Genres für Gesellschaft, Politik und Wissenschaft. An Eltern und Pädadgog_Innen appelierte sie: „Kinder brauchen Science Fiction!“

9. Zu Diversity in den Medien

Funk-Produzent Thilo Casper und Kolleg_Innen berichteten über die Schwierigkeiten queerer Repräsentation in den Medien. Dabei sprach Casper sich gegen „Queerbaiting“ in Marketing-Kampagnen aus und für Stoffe, die ein junges queeres Publikum unaufgeregt ansprechen.

10. Zum Thema Safer Sex

Liebe in Zeiten der Digitalisierung hat so ihre Tücken. Dabei sind Tinder, Spotted und Co. fast schon wieder Schnee von gestern. Aus dem Internet der Dinge drängen inzwischen nämlich auch smarte Sextoys in die Schlafzimmer. So zum Beispiel ein intelligentes Kondom. Das schlägt zwar mit satten 40 Euro Anschaffungspreis zu Buche, dokumentiert dafür aber auch wirklich jedes messbare Detail des Geschlechtsaktes. Wer Freunde und Familie an seiner Leistungsfähigkeit teilhaben lassen will, kann die so gesammelten Daten auch direkt in den sozialen Medien sharen. Natürlich.