In Berlin kannst du sein, wer du willst, tun, was du willst und lieben, wen du willst. Das Berliner Lebensgefühl bedeutet frei zu sein, einfach man selbst zu sein und ist kaum mit Worten zu beschreiben. Verschiedene Imagekampagnen, privat sowie staatlich, versuchen es dennoch immer wieder. Sie geben der Stadt einen Slogan, bekleben sie mit tiefsinnigen Plakaten und versehen sie mit einem Hashtag auf sozialen Netzwerken.

Berlin – das finden die Bewohner, die Besucher und das propagieren auch die Kampagnen – ist unübertroffen, einzigartig, energiegeladen und vereint unvereinbare Gegensätze. Aber brauchen wir deshalb jedes Jahr neue, sehr teure Kampagnen, die dieser Stadt einen Slogan geben?

„be Berlin“ schluckte im ersten Jahr über 10 Millionen Euro

Seit 2008 vertritt die vom Senat in Auftrag gegebene Berlin-Kampagne „be Berlin“ unsere Hauptstadt. Sie soll verschiedenste Facetten der Hauptstadt in die Welt tragen und so die wirtschaftliche Entwicklung und den Aufschwung fördern.

Im ersten Jahr kostete die Verbreitung der Kampagne in der Stadt selbst 10,6 Millionen Euro und hat dem Steuerzahler dafür eher mäßig viel geboten. Unter anderem bekamen immerhin knapp 1,3 Millionen Haushalte einen Flyer mit Informationen über die Kampagne zugeschickt.

Berliner nahmen die „be Berlin“-Werbemaßnahmen nicht so enthusiastisch an wie erwartet: Sie war in typischer Berliner Manier den meisten „janz ejal“. Man kritisierte den einfallslosen Slogan und beanstandete, dass das Geld nützlicher hätte eingesetzt werden können.

2009 wurde die Kampagne dann auch international aufgezogen und präsentiert die Hauptstadt weltweit auf Messetagen und Kongressen – und das um einiges erfolgreicher als in der Stadt selbst. Die Werbemaßnahmen in Berlin wurden 2012 fast vollkommen eingestellt.

#FreiheitBerlin soll das „erwachsene Berlin“ repräsentieren

Jetzt rufen der Senat und die Berlin Partner von be Berlin eine neue Kampagne ins Leben mit dem Namen #FreiheitBerlin. Die Geschäftsführerin von Berlin Partner Andreas Joras erklärt auf der Pressekonferenz auf die Frage, warum es gerade jetzt eine neue Kampagne gibt, dass die Zeit dafür gekommen sei, da Berlin sich verändert hätte, erwachsener geworden sei und man wolle, dass die internationale Präsentation auch zu unserer Stadt passe.

#FreiheitBerlin legt, wie der Name schon sagt, einen Fokus auf das Freiheitsgefühl der Hauptstadt. Im ersten Durchlauf wird Berlin mit Plakaten und Sprüchen beklebt, und fleißig Geschichten auf Social Media Kanälen gesammelt – denn auch die Berliner sollen zu Wort kommen.

„Like Berlin“ schreibt eine „Berlinungsanleitung“

Das erinnert stark an eine Kampagne vom letzten Jahr, die mit Hilfe von Zetteln und Plakaten die Berliner zu ihrer Stadt befragte. Ziel war und ist es weiterhin, Berliner Grundwerte zu ermitteln und für Besucher und Neuankömmlinge einen Kodex zu schreiben, damit die belebte Berliner Innenstadt nicht zu einer zweiten Stadtwüste wie London würde.

Die Verantwortlichen von „Like Berlin“ beklebten die ganze Stadt mit B-förmigen Plakaten, auf denen jeder seine Meinung und Gedanken zu Berlin abladen konnte – egal ob Urberliner, Zugezogene oder Touristen. Zusätzlich wurden Prominente und Botschafter befragt und daraus entstand der „Berlin Code“ eine „Berlinungsanleitung“ in 11 Geboten. Behandelt werden unter anderem Berlins Kiezkultur, die Veränderungen und Konstanten, die berühmte Berliner Schnauze, Toleranz und auch die schnoddrige Ignoranz der Berliner.

Diese Leitmotive werden im „Berlin Code“ in einen historischen Kontext gesetzt und wissenschaftlich belegt und erklärt, denn schon zu Zeiten, als Friedrich der Große Berlin regierte, wurde ein freies Leben und ein freier Geist großgeschrieben. Berlin war schon im 17. Jahrhundert ein Zentrum für religiöse Freiheit und warb mit Toleranz. Friedrich der Große regierte frei nach dem Motto: „Jeder wie er will“. Das berühmte Berliner Freiheitsgefühl kommt also nicht von ungefähr und kann in der Geschichte zurückverfolgt werden.

Zwei Kampagnen – ein Fokus

Beide Kampagnen haben den gleichen Fokus: sie sind eine Ode an Berlin und versuchen Berlins Ausstrahlung und Energie einzufangen, was auch recht gut gelingt. Geht man als bekennender Berlin-Fan an Plakaten, Sprüchen und Zitaten vorbei, erweckt das ein inspirierendes Gefühl und macht ein wenig Stolz, ein Teil dieser Stadt zu sein.

Gerade in der momentan politisch schwierigen Zeit, in der Extremismus in allen Ecken aufflammt und auch gehört wird, trifft die Kampagne „Freiheit Berlin“ den Zahn der Zeit. Es ist etwas Gutes, jeden, der durch die Straßen dieser geschichtsträchtigen Stadt schlendert, daran zu erinnern, was Freiheit bedeutet und wie wichtig es ist, diese zu beschützen.

Auch der Anklang auf sozialen Netzwerken ist groß. Fast im Minutentakt, steigt ein User in den Dialog unter #FreiheitBerlin mit ein und postet ein Foto oder einen Spruch zum Thema.

Berlin ist seine eigene Kampagne

Fraglich ist allerdings, ob Plakate und eine weitere Kampagne mehr erreichen können als Berlinern ein Lächeln auf die Lippen zu zaubern und ob die hohen Steuerausgaben nötig sind, wenn doch nebenbei die privat finanzierte Kampagne „Like Berlin“ läuft, die ähnliche Ziele und Werte vertritt.

Berlin-Kampagnen sind demnach etwas Positives. Sie fassen Berlin in Worte, nur muss die Stadt damit nicht überhäuft werden. Mauern, Straßen, Hauswände und Wahrzeichen tragen in Berlin so viele versteckte und offensichtliche Botschaften, die Berlins Freiheit und kreativen Geist zum Ausdruck bringen, dass Werbemaßnahmen und Kampagnen zwar eine Unterstützung darstellen, Berliner aber oft schon selber dafür sorgen, dass ihre Botschaften verbreitet werden.

Bild: Chiara Ksienzyk