Berichten zufolge hat Philip Anschutz, Geschäftsführer der Anschutz Entertainment Group (AEG), jahrelang sechs- bis siebenstellige Beträge an Anti-LGBTQ Organisationen gespendet. Nur wenige Tage nach Bekanntgabe des Line-Ups für das Coachella Festival 2017, das Event einer Tochterfirma der AEG, wurde dies publik. Doch stimmen die Vorwürfe? Und was bedeutet dies für Deutschland? Hört Stefan Lehmkuhls Einschätzung zum Thema im Audio-Interview.

Das weltbekannte Coachella Valley Music and Arts Festival in der Wüste Colorados gilt seit Jahren als eine der wichtigsten Anlaufstellen für Musikliebhaber, Hippies, Prominente und Festival-Fashion-Pioniere. Kunst, Freiheit und Toleranz werden hier jährlich an zwei Wochenenden im April zelebriert – zumindest von den Festivalgästen. Wie steht es jedoch um den Veranstalter selbst?

Wer ist Phillip Anschutz?

Der 77-jährige ehemalige Öl-Mogul ist als Chef der Anschutz Corporation stolzer Besitzer der AEG und somit von über 100 Stadien und Hallen weltweit,  über 25 Profi-Sportteams und mehreren Zeitschriften. Die AEG ist eine der global führenden Veranstaltungs-, Unterhaltungs- und Sport-Unternehmen. Sie vertritt Künstler wie Nick Cave, Morrissey oder Bob Dylan und produziert Blockbuster wie etwa die Chroniken von Narnia.

Die Vorwürfe –  der “key enemy of equality”

Der US-amerikanische Milliardär hat vor allem durch seine fragwürdigen Spendenaktivitäten Schlagzeilen gemacht. Anschutz ist Republikaner, das ist kein Geheimnis. Spätestens bei Betrachtung der sechsstelligen Spendenbeträge für George W. Bushs Wahlkampf sowie der Kampagne gegen das Unterzeichnen der USA vom Kyoto Protokoll wird dies klar. Dazu unterstützte er mehrmals die republikanische Forschungsinstitution Heritage Foundation, eine treibende Kraft hinter Trumps Sieg im US-Wahlkampf (heißt es hier).

Doch weshalb wird er von der LGBTQ-interessenvertrenden Gruppe Freedom for All Americans als “key enemy of equality” bezeichnet und in der dazugehörigen Infografik (siehe unten) aufgeführt? Teile seiner Spenden gingen laut The Quietus und The Huffington Post über Jahre hinweg unter anderem an folgende LGBTQ-diskriminierende Organisationen: die Colorado Family Valuesdas Amendment 2, Alliance Defending Freedom, The Family Research Council und die National Christian Foundation.

Greenpeace beschuldigte Anschutz schon 2013, Klimawandel-leugnende Gruppen zu finanzieren. Des Weiteren setzte er sich gegen das Unterrichten der Evolutionstheorie an Schulen ein.

Anschutz äußert sich zu den Vorwürfen

In einem zu den Vorwürfen veröffentlichten Statement lässt der sonst medienscheue Philip Anschutz verlauten, es handle sich um “Fake News”: “Wenn ich oder die AEG herausfanden, das bestimmte Organisationen, an die entweder ich oder die Stiftung gespendet haben, solche Anliegen unterstützen, haben wir sofort jegliche Beisteuerungen zu diesen Gruppen beendet.
Belegt hat er die Beendigung von Spendenmaßnahmen an diese Gruppen noch nicht. (Anschutz’ und AEGs gesamte Statements sind via Billboard zu lesen.)

Doch inwiefern tragen wir als Konzertgänger und Medien-Konsumenten in Deutschland zu diesen Aktivitäten bei?

Wo findet man die Anschutz Entertainment Group in Deutschland?

Die Mercedes Benz Arena in Berlin und das Hockey Team Eisbären Berlin gehören der AEG. Außerdem ist der Konzern Mitglied von Mediaspree, bekannt durch deren umstrittenes Vorhaben zur wirtschaftlichen Nutzung des Spreeufers in Berlin-Friedrichshain. In Hamburg gehören die Barclaycard Arena, die Volksbank Arena und bis Mai 2016 das Hockey Team Hamburg Freezers dazu. Auch mehrere Filme sowie viele Musiker werden weiterhin vom Konzern produziert und repräsentiert. Wann immer man solch einen Film oder ein Ticket für ein Event in einer dieser Hallen käuflich erwirbt, unterstützt man die AEG.

Sollte man die AEG boykottieren?

Die Antwort darauf und auf die Frage, wie deutsche Veranstalter zum Thema stehen, hört ihr im Interview mit Stefan Lehmkuhl, Mitbegründer vom Melt! Booking und als Booker aktiv bei der Hörstmann Entertainment Group. Laut Lehmkuhl ist die genannte Problematik um die AEG auch in der deutschen Event-Branche ein Thema. Ihn wundert dabei jedoch, dass die Diskussion um Anschutz erst zum jetzigen Zeitpunkt in diesen Ausmaßen entfacht. Geht es nach ihm, liegt es jetzt an Musikern, Fans, Agenten und Managern zu entscheiden, inwiefern sie sich aktiv gegen die Anschutz Entertainment Group positionieren können. Einen Wunsch äußert er dabei: den Rücktritt der Band Radiohead vom Coachella Lineup.

Beim Thema AEG und Philip Anschutz’ Spendenaktivitäten kann man sich nicht ausschließlich auf das Coachella Valley Music and Arts Festival oder die Mercedes Benz Arena beziehen. Das Unterhaltungs-Imperium des Milliardärs dehnt sich auf globaler Ebene in weitere Gebiete aus.

 

Bild: Jason Persse / CC BY-SA 2.0