Durch Playlists bei Streaming-Anbietern werden klassische Musikrezensionen abgelöst. Sie seien mitverantwortlich für den Durchbruch von Künstlern und den Niedergang des Downloads, behaupten der Guardian, Pitchfork und zuletzt Horst.FM. Doch wer steckt hinter den bekanntesten Playlists und stimmt alles, was über die Zukunft des Streamings berichtet wird? 

Im Expertengespräch mit Barbara Hallama, ehemals  bei iTunes und Google Play Music aktiv und die Frau hinter der Facebook Seite Music Business News, gehen wir den Dingen auf den Grund.

In den USA wird laut Pitchfork nun mehr Geld durch Streaming eingenommen als durch bezahlte Downloads. Wie ist die Situation in Deutschland?

“Also erstmal ist das (bei Pitchfork) natürlich eine wahnsinnig grobe Übersicht. Das ist alles immer  abhängig vom Genre, von der Altersgruppe und so weiter. Und es ist natürlich so, dass gewisse Genres nur im Streaming-Bereich leben: die ganze Pop-Geschichte zum Beispiel. Jugendliche, Millenials, die kaufen natürlich schon lange nichts mehr. Aber bei uns in Deutschland ist es so, dass die zahlungskräftigste Klientel, wirklich diese ab 45 ist und die kaufen schon noch ihre CDs. Deswegen sind solche Grafiken immer wahnsinnig “missleading“ – da muss man echt aufpassen. Gerade für Deutschland gibt es gar keine ordentlichen Statistiken, die öffentlich zugänglich sind.“

„Aber Fakt ist: Der Download geht natürlich momentan zurück.“

Noch einen Punkt, der den Streaming-Diensten und dem “Tod des Downloads”, zumindest in manchen Teilen Deutschlands, zur Zeit im Weg steht: “Ich weiß nicht ob du schon mal hier in Brandenburg warst – mit Spotify kommst du dann auch nicht mehr klar, wenn du die Playlist nicht vorher offline gesaved hast.” Im Breitbandausbau hängen wir in Deutschland tatsächlich im globalen Vergleich ein wenig hinterher.

Doch was macht Streaming gegenüber Downloads oder lokalen Radiosendern so attraktiv? Wenn man einen Streaming Service nutzt, wird von diesem eine große Vielfalt an Playlisten angeboten, die auf Stimmungen, Genres, spezielle Themen oder auf einen selbst zugeschnitten sind. Diese werden von verschiedenen Kuratoren und Algorithmen zusammengestellt.

Was sind Playlist-Kuratoren?

Du bist ein Playlist-Kurator, ich bin ein Playlist-Kurator, jeder ist erstmal ein Playlist-Kurator. Jeder kann bei diesen Diensten eine Playlist machen. Bei den großen Streaming-Diensten ist das so, dass sie meistens genrespezifische Spezialisten haben, die sich dann den einzelnen Genres (oder Moods) jeweils zuwenden.“ Sowohl Streaming-Dienste als auch große Labels, haben ganze Playlist Brands kreiert, hinter denen mehrere Kuratoren-Teams sitzen. Bekannte Beispiele sind Topsify (Warner), Filtr (Sony), oder New Music Friday (Spotify).

Auf welche Daten greifen diese Kuratoren zurück?

“Jede Firma hat ein fettes Analytics-Tool dahinter: welcher Song wird wie oft gehört, welche Songs werden sofort weiter geskippt, welche Songs werden zu Ende gehört, wann springt der User total ab. Das sehen die alles. Man muss aber sowas natürlich auch lesen können.“ (lacht)

Was genau sind denn nun Algorithmen?

“Das sind Daten, die analysiert werden und anhand bestimmter Kriterien wieder zusammengewürfelt werden. Du musst eine Aufgabe stellen – was möchte ich letztendlich haben – also Kriterien – und dazu die matching Daten finden.” Das bedeutet: Wenn Spotify eine Liste mit den Lieblingsstracks vom User Horst.FM erstellt, werden über den Algorithmus Hörweise und Vorlieben ausgewertet und somit automatisch Tracks zusammengestellt. Barbara Hallama sieht hierbei ein Problem: “Bei mir persönlich funktionieren diese Listen, die speziell für mich sind überhaupt gar nicht, weil ich einfach eine zu breite Range an Stilen höre. Leute mit einem relativ einfachen Musikgeschmack, die können davon profitieren, aber die Digger werden immer Digger bleiben“

Sehr gut sieht man das am Beispiel der Autorin. Da findet sich in der algorithmusbasierten Jahresendliste Beyonce neben Black Metal von Darkthrone, den neuesten Garage Tracks und schmalzigem Italo-Pop. Am Stück hört sich dies kaum jemand gerne an.

Was kann man als Label oder Musiker tun, um in solchen Listen zu landen oder von einem Algorithmus erfasst zu werden?

“That’s the magic question! Was ich aus meiner Zeit bei Apple und Google noch weiß ist, dass es die Möglichkeit gibt, sogenannte Priority-Sheets auszufüllen und die dann an die Kuratoren weiterzugeben. Das heißt du hast drei Songs pro Woche. Und dann kommt es halt auf die Zeit darauf an, die der Kurator hat und ob das reinpasst oder nicht. Was auch interessant ist:Wenn du jetzt deinen Track in einer Liste hast, (…) dann hat das relativ wenige Auswirkungen auf den Albumverkauf.“

„Es heißt nicht dass der Artist gebreakt wird, wenn er in einer dieser Listen drinnen ist.“

Wer nun genau hinter den erfolgreichsten Playlists steckt und insbesondere wie Algorithmen von Großunternehmen aufgebaut sind, wird natürlich nicht komplett offengelegt: “Das ist das totale Kapital von solchen Firmen”, erklärt Hallama. Bis sich alle Prophezeiungen zum Thema Streaming verwirklichen, müssen wir uns noch ein wenig gedulden. Im Endeffekt ist aber nach wie vor noch eine Sache entscheidend. Ob ein Song gut ankommt bestimmen nicht Algorithmen, Kuratoren von großen Firmen oder unabhängige Blogger, sondern die Hörer selbst, indem sie einfach weiter klicken.

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Bild: Blue Coat Photos / CC BY-SA 2.0