Hat im Zeitalter der Spotify Playlist, schrumpfender Auflagen von Printmagazinen und Nutzern, die nicht mehr als zehn Sekunden auf einer Webseite verbringen, die Musikrezension überhaupt eine Zukunft? Wir haben uns mit ein paar Journalisten unterhalten.

“Ich glaube, so lange Musik gehört wird, wird es auch immer Leute geben müssen, die Musik bewerten und die Empfehlungen machen”, sagt Wolf Kampmann, freiberuflicher Musik-Journalist in Print und Hörfunk und Chefredakteur des Musikmagazins SPAM. “Wobei ich schon der Meinung bin, dass die Umstände, unter denen das geschrieben wird, sich extrem verändern werden.”

Torben Hodan, Chefredakteur beim Online-Magazin DIFFUS, erklärt, dass letzteres schon immer der Fall war: “Ein Beispiel ist die berühmte Rezension von E.T.A. Hoffmann zu Beethovens „Fünfter Symphonie“ (1810), die in einer Fachzeitschrift (…) erschienen ist. In der Sprache seiner Kritik knüpfte er bei den Dichtern der Romantik an, baute aber trotzdem noch einen großen Teil mit Notenbeispielen und Kommentaren zu den Kompositionen in seinen Text ein. Wenige Jahre später veröffentliche er die Rezension nochmal  dann aber in einer Tageszeitung und ohne den musikanalytischen Teil.”

Seit der Erfindung des Internets haben sich auch die Medien verändert, über die Musik letztendlich empfohlen wird: von Print zu Digital, von bezahltem Journalismus zu unter-/unbezahlten Blog- und Social Media-Inhalten und schließlich bis hin zur Spotify Playlist.

Doch inwiefern ist heutzutage die Rezension gefährdet?

Im täglichen Kampf um Online-Reichweite und Anerkennung spricht einiges gegen ein Review:

Einerseits ist es einfacher, ein Album direkt im Stream zu hören, als vorher einen Text darüber zu lesen und anschließend den Weg in ein Musikgeschäft zu tätigen. Die Leserschaft klickt eher auf informierende, unterhaltende oder provozierende Inhalte, die mit den Geschehnissen hinter der Musik zu tun haben.

Zum anderen besteht der Vorwurf mangelnder Qualität: “Ich denke, Qualitätsjournalismus findet in sozialen Medien nicht statt, sondern da wird gebloggt.”, meint etwa Kampmann. Wenn aber beispielsweise die Bewertung der Musik laut Leserschaft nicht begründet ist, kann eine Rezension plötzlich, zumindest im Feed, an Relevanz gewinnen. So lösen Reviews laut Hodan “jedoch auch immer wieder große Diskussionen aus. Dabei denke ich zum Beispiel an die Kritiken zu den Alben von Wanda oder aber eben an den Shitstorm, den der Artikel zu Dat Adam bei unserem DIFFUS Magazin ausgelöst hat.”

Welche Zukunftsmodelle oder Alternativen zur Review gibt es?

Laut Torben Hodan “wird [die Musikrezension] nun eben nicht mehr in gedruckten Magazinen und vielleicht auch irgendwann nicht mehr als Text auf Blogs stattfinden, sondern auch über Videos, kleine Snippets bei Instagram oder Snapchat erfolgen.”

Dass Musikreviews im Videoformat funktionieren können, zeigt sich an “today’s most successful music critic” (laut Spin Magazin), dem Youtuber Antony Fantano aka theneedledrop. Doch wie sieht es mit anderen Print- und Online-Medien aus?

Einst die wichtigste Stimme im Musikjournalismus, wendet sich der britische NME immer mehr vom Print und von Rezensionen ab und zählt lieber auf von Buzzfeed inspirierte Clickbait-Inhalte und Klatsch und Tratsch aus der Musikwelt. Die Online-Magazine Pitchfork in den USA oder das deutsche DIFFUS Magazin hingegen entwickeln vermehrt Video-Formate, in welchen Künstler porträtiert oder besondere Strömungen in der Musikgeschichte beleuchtet werden.

Auch Playlisten bei Streaming-Diensten wie Spotify, Apple Music oder gar Youtube stellen eine Vorauswahl von Musik dar, welche dem individuellen Geschmack des jeweiligen Kurators entspricht. Hintergrundinformationen zum Künstler, Release oder einzelner Songs sind auch hier abrufbar. Der Vorteil: Ob die Musik gut oder schlecht ist, erschließt sich dem Hörer von selbst, ohne dass dieser für Review oder Musik Zeit und Geld investieren muss.

Hat die klassische Rezension also ausgedient?

Sieht man die Rezension als klassische, schriftliche Musikempfehlung, lässt sich ihre Zukunftstauglichkeit in dieser Form durchaus in Frage stellen. Kritische Auseinandersetzung mit dem Thema Musik ist jedoch auch über andere Medien auf attraktive Weise möglich – und wird immer stattfinden.

 

Titelbild: kconcha _CC0 1.0