Matteo Luis ist einer von drei DJs des Berliner Technolabels Retrograde. Vor einem Jahr haben Marlon Hoffstadt, Natureboy Gold (Gerrit) und Matteo Luis beschlossen, gemeinsame Sache zu machen. In dieser kurzen Zeit konnten sie sich bereits eine Residenz im Technoclub About Blank erarbeiten und veranstalten unter ihrem Labelnamen regelmäßig Partys. Matteo bewegt sich aber nicht nur in den Sphären des Elektros. Bald steht für den erst 23 jährigen die erste Albumveröffentlichung mit seinem Indiekollektiv an.

Erst 2008 hast du dich der elektronischen Musik gewidmet. Vorher war mehr Hip Hop dein Genre. Wie kam es zu diesem Entschluss des musikalischen Wechsels?

Matteo: Die musikalische Begeisterung ist für beide Genres stets gleich groß gewesen. Es waren eher die technischen Gründe, die mich dazu bewogen haben das Genre zu wechseln. Als DJ war ich nie sonderlich am Scratchen interessiert. Mich haben die nahtlosen Übergänge und die dramaturgischen Spannungsbögen in elektronischen DJ-Sets mehr begeistert.

Kannst du Erlerntes aus dem Audiodesign Studium für deine Arbeit als DJ bereits sinnvoll nutzen?

Matteo: Das Studium hat mir in vielerlei Hinsicht die Möglichkeit gegeben, meine Kompetenzen in Richtungen auszuweiten, über die ich vorher nie nachgedacht habe. Ich traue mir Aufgaben zu, die ich vorher nie in Betracht gezogen habe. Dieser weitere Blick auf die Musik, auf die technischen Möglichkeiten und auf die Branche beeinflussen auch mein künstlerisches Werk. Meine Musik ist einfach viel besser geworden.

Ist es manchmal schwierig mit Freunden zusammenzuarbeiten und sich gegenseitig auch kritisieren zu müssen? Leidet nicht die Freundschaft darunter? Privates und Berufliches zu trennen ist schließlich nicht so einfach.
Matteo: Manchmal gehen wir uns extra auf die Nerven. Vor allem ich bin gut darin die beiden zu stressen. Das vergessen die aber meistens schnell, oder ich bekomme es später doppelt zurück. Insgesamt ist es aber das Schönste an der ganzen Arbeit, dass wir die Erfahrungen und Geschichten miteinander teilen können, anstatt sie alleine zu erleben. Wir teilen Kreativität, nervige Fleißaufgaben, Verantwortung und reisen miteinander. Dadurch, dass wir fast immer zu zweit oder zu dritt unterwegs sind, wird jede Reise eher zu einem kleinen Urlaub, als zu einer Berufsreise.

Inwiefern unterscheidet ihr euch drei Künstler von Retrograde musikalisch voneinader?
Matteo: Gerrit macht mehr den Underground-Kram, jedenfalls behaupten Marlon und ich das. Marlon steht auf die brachialen Techno-Burner und ich mehr auf die geschmeidigen Sachen. Meine Sets und meine Tracks sind meist smoother und deeper als die der beiden. Trotzdem beeinflussen wir uns auch meistens und haben, seitdem wir zusammen Musik machen, unsere Stile angenähert. Die Schnittmenge ist so groß, dass jeder mit jedem zocken kann und wir unsere Sachen gegenseitig feiern. Es ist cool, dass jeder seine eigene Handschrift hat und einen eigenen Einfluss ins Label bringt, weil das letztendlich erst den speziellen Retrograde-Sound ausmacht.

Deine Musikvideos macht seit Jahren dein Freund Nils vom Lande. Wieso beauftragst du ihn immer wieder für die Visualisierung deiner Musik? Inwiefern spiegelt seine künstlerische Arbeit deine Musik wieder?

Matteo: Dadurch, dass Nils und ich beste Freunde sind und wir uns seit Jahren künstlerisch parallel entwickeln, läuft unsere Arbeit stets Hand in Hand. Wir hören zusammen Musik, schauen gemeinsam Filme und Musikvideos und diskutieren darüber. Was wir letztendlich auch beruflich nutzen können, ist unser gemeinsames Hobby. Wir konzipieren die Videos zusammen und setzen sie manchmal auch gemeinsam um. Weil es so persönlich ist, könnte wahrscheinlich nichts besser als Nils‘ Clips meine Musik mehr widerspiegeln.

Die Major Labels versuchen mit ihrer konventionellen elektronischen Musik den Deep House Hype gerade mitzunehmen. Wo siehst du deine Vorteile mit deinem eigenen Label, aber mit weniger Geld?

Matteo: Der Markt, in dem sich die Major Labels gerade ansiedeln, ist ein ganz anderer als der, in dem wir mit Retrograde unterwegs sind. Ich bekomme von dem Deep House Hype nicht viel mit und die Musik hat ziemlich wenig miteinander zu tun, auch wenn sie technisch recht nahe beieinander liegt. Für mich bringt dieser Hype trotzdem etwas Positives mit sich, weil viele neue Leute über die kommerziellen Tracks auf die elektronische Musik stoßen, sich in die Musikrichtung verlieben und irgendwann frischen Wind in die Elektronik-Branche bringen. Das war in unserer Generation auch nicht anders. Die wenigsten Produzenten steigen mit dem nerdigsten oder undergroundigsten Style in die Musikrichtung ein, sondern haben sich Stück für Stück immer mehr herein gefunden.

Die Technomusik hat mit Sexismus zu kämpfen. Könntest du dir ein weibliches Mitglied bei Retrograde vorstellen?

Matteo: Für mich ist das momentan eines der wichtigsten Themen in der Techno-Szene. Der Sexismus ist omnipräsent und es ist erschreckend, dass eine Subkultur, die sich selbst dafür feiert, frei und offen zu sein, mit so einer Scheiße zu kämpfen hat. Die Branche ist spießig und macht jungen Musikerinnen den Einstieg schwer. Wir haben bei Retrograde großes Interesse daran, diese Strukturen aufzubrechen und würden uns auch ein festes weibliches Mitglied im Label wünschen. Ich bewundere Frauen, die sich darüber hinweg setzen und sich einen Platz in der Elektronik erkämpfen. Auf unseren Partys im About Blank spielen tolle Frauen geile DJ-Sets, die mich stets inspirieren. Ich würde mir wünschen, dass das Geschlecht, zumindest in der Kunst, sehr bald keine Rolle mehr spielt.

Welche musikalischen Projekte stehen noch dieses Jahr an? Deine Retrograde EP kam erst Anfang Mai raus.
Matteo: Ich habe neben einer neuen Soloplatte eine Collabo EP mit Natureboy Gold fertig, die passend zur Stimmung der Platte, wohl im späten Herbst rauskommen wird. Vorher veröffentlichen wir im Spätsommer noch eine Mini-Compilaton auf Retrograde, mit der wir neben Stücken von Gerrit, Marlon und mir, auch unseren neuen Labelkünster „Terron“ vorstellen.

Bild: Nils vom Lande