Derzeit warten über 10.000 Menschen auf ein Organ. Manche vergeblich. Gleichzeitig sind über 15000 für eine Spende angemeldet. Allerdings nicht für Organtransplantation, sondern um in der Kunstausstellung „Körperwelten“ präsentiert zu werden.

-von Chiara Ksienzyk

Organe, Muskeln und Knochen werden in einer Flüssigkeit haltbar gemacht und sind seit 2015 für Museumsbesucher in Berlin dauerhaft zugänglich. Es werden „Leichenteile“ in athletischen Posen, auf dem Fahrrad und sogar ungeborene Föten gezeigt.
Der Leichenpräperator Gunter von Hagens will damit das Gefühl für den Körper verändern. Es soll auf Dinge wie Bewegungsarmut und Bluthochdruck aufmerksam gemacht werden. Wie weit kann die Kunst gehen, wenn man bedenkt, dass die ausgestellten Körperteile Menschenleben retten könnten? Dazu hat HorstFM das Institut Körperwelten befragt und folgende Antworten bekommen:

Wie legitim ist es, Organe auszustellen, wenn dringend Transplantate zum Leben retten gebraucht werden?

„Eine Organspendeverfügung steht einer Körperspende zur Plastination keineswegs entgegen; viele unserer Körperspender sind gleichzeitig auch Organspender. Sollten tatsächlich Organe eines verstorbenen Körperspenders für Transplantationszwecke geeignet sein, hat die Organspende selbstverständlich Vorrang, weil sie Leben retten kann.“

Gibt es Lerneffekte – oder ist „Körperwelten“ reine Kunst?

„Tatsächlich sind viele Besucher nach dem Ausstellungsbesuch derart berührt, dass sie fortan ihren Körper nicht mehr als etwas Selbstverständliches erachten und mehr auf ihre Gesundheit achten wollen. Es geht in der Ausstellung also primär um das Leben und nicht um tote Körper. Das ist ein Grund, warum unsere Exponate in lebensnahen, ästhetischen Posen dargestellt sind.“

Ist es nötig, dass Kunst Grenzen überschreitet, um die heutige Gesellschaft zu erreichen?

„Das ist kein Phänomen der heutigen Gesellschaft. Seit Beginn der Neuzeit hat die Kunst stets Grenzen überschritten mit dem Ziel, der Wirklichkeit mehr auf den Grund zu kommen, um neue Erfahrungen zu erproben, um Menschen zu berühren, sie wach zu rütteln und sie zur Auseinandersetzung anzuregen.“

Wieso ist die Ausstellung „Körperwelten/Menschen Museum“ für Besucher unverzichtbar?

„Weil sie wie kaum ein anderes Ereignis die Sicht auf die eigene Körperlichkeit nachhaltig verändert. Denn die ästhetische Präsentation echter präparierter Körper vermittelt eine tief berührende Begegnung mit dem eigenen Körperinneren. Das schöne Plastinat, erstarrt zwischen Sterben und Verwesung, berührt den Betrachter emotional und ermöglicht ihm eine völlig neuartige sinnliche Erfahrung.“

Die Kunstausstellung scheint der Organspende nicht im Wege zu stehen. Den Antworten des Instituts zur Folge rettet Körperwelten sogar Leben, durch die Veränderung des Körpergefühls. Inwieweit man möchte, dass dieses durch das Anschauen von Leichenteilen in Flüssigkeit verändert wird, sei jedem selbst überlassen. Anschauen und selbst ein Urteil bilden! Bei der Frage ob positiv, oder negativ, gehen die Meinungen trotzdem weit auseinander. Aber das ist bei Kunst mit Körpern wohl vorprogrammiert.

Bild:Hafiz Issadeen (CC BY-ND 2.0)