Berlin ist ein Tatort und nur wenige kennen seine Abgründe. Wer heute um den Ostbahnhof herum zum Feiern kommt, ahnt nichts von dem Serienmörder, welcher dort vor 100 Jahren sein Unwesen trieb. Wer in der Charité heute auf Genesung hofft, erinnert sich vermutlich nicht mal mehr an die mordende Krankenschwester von vor zehn Jahren. Berlin bietet ekelige True Crime-Geschichten an jeder Ecke und lässt uns das Leben an der Spree mit anderen Augen sehen.

1. Der S Bahn-Mörder mit dem Bleikabel

S_Bahn_Mörder_Berlin_Rummelsburg

Zwischen 1939 und 1941 werden im S-Bahn Streckenabschnitt Rummelsburg – Rahnsdorf und Umgebung 31 Frauen überfallen, vergewaltigt und acht von ihnen ermordert. Der Täter: Paul Ogorzow, 29 Jahre alt, Familienvater und wohnhaft in Berlin Karlshorst. Sein Motiv: „Hass auf Frauen und die Faszination am Töten“. Ogorzow arbeitet bei der Deutschen Reichsbahn. Sobald Passagierinnen alleine in einem sonst leeren Abteil sitzen, nutzt er die Gelegenheit und setzt sich in seiner Uniform neben die noch ahnungslosen Opfer. Nachts fallen ihm 7 Frauen zum Opfer, welche er mit einem schweren Bleikabel niederschlägt, um sie anschließend zu vergewaltigen. Fünf von ihnen schmeißt er schließlich aus dem fahrenden Zug. Einige von ihnen überleben schwerverletzt und können in ihrer Zeugenaussage die Uniform als ein Indiz benennen. Die Summe der Hinweise führt die Polizei in ihren Ermittlungen schließlich auf die Spur von Ogorzow, welcher 1941 am Betriebsbahnhof Rummelsburg verhaftet wird. Noch im selben Jahr wird er zum Tode verurteilt und im Strafgefängnis Plötzensee mittels Fallbeil hingerichtet.

 

2. Der Todesengel aus der Charité

Todesengel_Charite

Irene Becker, Krankenschwester auf der Intensivstation der Charté, tötet zwischen 2005 und 2006 fünf Patienten. 35 Jahre arbeitete sie bereits als Krankenschwester. Unter ihren Kollegen gilt sie stets als pflichtbewusst und gewissenhaft. Bevor sie die Klinik als „Todesengel“ verlässt, bemerken einige Kollegen bei Becker Anzeichen von Müdigkeit, Stress und Stimmungsschwankungen. Anstelle sich eine Auszeit zu nehmen, meldet sich Becker freiwillig für die Betreuung der schwersten Fällen – und setzt sich dabei tiefen, psychologischen Belastungen aus. Doch schon bald häufen sich die Todesfälle in ihrer Abteilung. Kurz nach ihrem ersten Opfer Hannah B. tötet sie Hans K., welcher nach mehreren Reanimationsversuchen nicht mehr aus dem Koma erwacht. Sie injiziert ihm Nitropussid-Natrium (NPN) – ein stark blutdrucksenkendes Mittel. Dann stirbt Gerhard A.; die Diagnose lautet zunächst „Herzinfarkt“. Als einer der Mitarbeiter leere Ampullen an den Tatorten vorfindet, entwickelt sich ein erster Verdacht, welcher Irene Becker zum Verhängnis wird. Im Oktober 2006 wird sie in ihrer Wohnung in Berlin Reinickendorf festgenommen. An die Folgen ihrer Straftaten habe sie nicht gedacht. Stattdessen empfand sie ein Gefühl von Erfüllung: „Mein Gegenüber war ja hilflos, konnte sich ja nicht wehren. Ich hatte die Macht zu gestalten.“

 

3. Die zersägte Kofferleiche in der Spree

Kofferleiche_Berlin_Spree

Im Juli 2011 fischen Angler einen Koffer aus der Spree und machen dabei einen grausigen Fund. In dem Gepäckstück befindet sich der Torso eines Mannes. Kopf, Arme und Beine fehlen. Drei Tage später findet die Polizei mithilfe von Spürhunden weitere Leichenteile an der Treskowbrücke in Oberschöneweide. Der Rumpf und Oberschenkel werden in einer Plastiktüte aufgespürt, welche in einen weiteren Koffer gestopft wurde. Den Kopf hingegen entdecken Spaziergänger in einem Müllsack im Reinickendorfer See. Bei dem Opfer handelte es sich um einen Tätowierkünstler aus Österreich. Die Ermittler vermuten einen Mord im organisierten kriminellen Milieu. Jedoch führt die Spur zu einem weiteren Tätowierer, welcher die Tat zwei Wochen nach dem Fund gesteht. Der Grund für die Tat war ein Streit zwischen den beiden Männern, nachdem beide sich in der Wohnung der Freundin des Täters betrunken hatten. Sie gingen beide mit Fäusten aufeinander los. Als Todesursache wurde massive Gewalt gegen den Kopf des Opfers festgestellt. Um die Tat zu vertuschen zersägte der Täter die Leiche mit einer Kettensäge in der Wohnung seiner Freundin.

 

4. Der Fleischer vom OstbahnhofCarl_Großmann_Leichen_Engelbecken

Carl Großmann gilt als der Serienmörder mit den vermutlich meisten Opfern in Deutschland, welcher nicht verurteilt wurde. Nach einer Reihe von Sexualdelikten und 15 Jahren Zuchthaus bezieht der gelernte Fleischer Großmann 1913 eine Wohnung in Berlin Friedrichshain, im Haus Lange Straße 88. Großmann spricht seine Opfer in der Nähe des Andreasplatzes an: Prostituierte und alleinreisende Frauen. Zwischen 1918 und 1921 werden im Engelbecken und im Luisenstädtischen Kanal sowie in der Nähe des heutigen Ostbahnhofs 23 zerstückelte Frauenleichen gefunden. Im Sommer 1921 entschließt sich die Berliner Kriminalpolizei aufgrund der inzwischen beinahe täglichen Leichenfunde zwischen Schillingbrücke und Engelbecken und dem Verschwinden von etwa 100 Mädchen, alle Kräfte auf die Untersuchungen der Mordserie zu konzentrieren. Großmann wird am 21. August 1921 in seinem Haus neben seinem letzten Opfer Marie Nitsche auf frischer Tat ertappt. Noch vor dem Ende der Hauptverhandlung am 5 Juli 1922 tötet er sich selbst in seiner Zelle. Es wird vermutet, Großmann habe den Großteil seiner Opfer zu Wurst- und Dosenfleisch verarbeitet, da er am heutigen Ostbahnhof einen Wurststand besaß.

5. Vom Muttermörder zum Massenmörder in SS-Uniform

Muttermörder_Wilmersdorf
Kalistros Thilecke galt als ein hochbegabter Schöngeist und als ein Sprachgenie: Er interessierte sich für Indianerkulte und beherrschte mehrere indianische Dialekte. Er inszenierte sich gerne im Stil eines Bohemien der 1930er Jahre: schulterlange Haare, schwarzer Samtanzug weißer Schillerkragen und ein Messer im Gürtel. Im August 1930 tötete er seine Mutter bestialisch mit 17 Messerstichen und wickelte sie nach indianischem Ritus in einen Stoff. Kurz darauf gesteht er seinen Mord in nächstgelegenen Polizeirevier. Das Motiv: Der Hass auf seine Mutter. Nach seiner zehnjährigen Haftstrafe sucht Thilecke nach einer Perspektive und die Rückkehr in ein bürgerliches Leben. So wendet sich der Muttermörder ausgerechnet an den Beamten, der ihn nach seiner Bluttat vernommen hatte: Arthur Nebe, welcher unter den Nationalsozialisten eine steile Karriere als SS-Sturmbannführer gemacht hat. Dieser teilte Thilecke dem „Sonderkommando Dirlewanger“ zu. Unter dem Kommandeur Oskar Dirlewanger, einem vorbestraften Kinderschänder, setzt sich die Spezialeinheit der SS aus Schwerstkriminellen zusammen. Ihr Auftrag: Schrecken in den besetzten Ostgebieten zu verbreiten. Die Männer hinterlassen eine legendäre Blutspur hinter sich – dermaßen bestialisch, dass selbst die SS daran denkt, die Truppe wieder aufzulösen. 1944 ist das Sonderkommando maßgeblich an der brutalen Niederschlagung des Warschauer Aufstandes beteiligt. So wird Thilecke also auch zu einem Massenmörder, welcher seiner Gräueltaten im Krieg nicht verantworten muss. 1944 wird er auf offener Straße angeschossen und stirbt anschließend an einer Gehirnbeschädigung.

 

Beitragsbild: Kolossos (CC BY-NC-SA 2.0)

Foto 1: Michael Dittrich (CC BY-SA 3.0)

Foto 2: Kleist Berlin (CC BY-SA 2.0)

Foto 3: Steve Collis (CC BY-SA 2.0)

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Foto 5: janwillemsen (CC BY-NC-SA 2.0)