Obdachlose Teenager, herzzerreißende Schicksalsschläge, der Tod nach einem Partybesuch – häufig sind solch bewegende Geschichten Teil des Programms von Anti-Drogen-Propaganda. Doch schaffen Abschreckung und Verbotspolitik unsere Drogenprobleme aus der Welt? Ein Kommentar von Julia Radu

Wer sich auf Google mit dem Schlagwort “Drogenaufklärung“ auf die Recherche begibt, der landet beim zweiten Treffer auf der Seite der Anti-Drogen-Initiative www.sag-nein-zu-drogen.de. Ob Aufklärung in solch mitreißendem Sensationsstil wie in diesem Fall wirklich dem Konsum und dessen negativen Folgen in unserer Gesellschaft entgegenwirkt, möchte ich jedoch hinterfragen.

Der Verein SAG NEIN ZU DROGEN kommt aus München und setzt sich seit einigen Jahren im Bereich der Drogenprävention und -aufklärung ein. Die eigene Website ist mit reichlich Informationsmaterial wie den sogenannten Info-Heftchen ausgestattet. Diese stellen den wesentlichen Bestandteil der Kampagne dar. Durch eine dramatische Inszenierung des Inhalts wird dem Leser beim Durchblättern schonmal nicht langweilig. Zu sehen sind Bilder von Jugendlichen, die zusammengekauert auf dem Boden liegen sowie eine Vielzahl schockierter und trauriger Gesichter. Das Ganze wird untermalt von rauchigen Farben, mysteriösem Design und einer Schrift, die an das Cover von R.L. Stines “Gänsehaut“-Geschichten erinnert.

sagneinzudrogen-bildObjektivität schafft Glaubwürdigkeit

Interessant ist auch, dass diese Heftchen unter dem Titel “Fakten über Drogen“ veröffentlicht werden. Neben Auflistungen von (ausschließlich negativen) Wirkungen der jeweiligen Substanzen sind darin auch Useraussagen zu finden, die die Wirkung der Droge veranschaulichen und als Beispiel ihrer gelten sollen. Im Kapitel ‚Ecstasy‘ ist das etwa ein einziges Zitat einer Konsumentin, das folgendermaßen lautet:

Einmal biss ich in ein Glas, als ob es ein Apfel wäre. Ich merkte erst, was ich getan hatte, als mein Mund voller Glassplitter war. Ein anderes Mal zeriss ich stundenlang Lumpen mit meinen Zähnen.“ – Ann

Eine grausame Vorstellung – keine Frage. Aber ist diese Aussage repräsentativ für die Wirkung von Ecstasykonsum und damit geeignet, um über ebendiesen korrekt aufzuklären? Alle User, die ich dazu befragte, konnten sich keineswegs mit Erfahrungen dieser Art identifizieren. Es scheint hierfür ein Extremfall ausgewählt worden zu sein. Nicht zu bestreiten ist, dass die Initiative SAG NEIN ZU DROGEN eine deutlich ablehnende Haltung gegenüber Drogen einnimmt und Anti-Drogen-Propaganda ihr Programm bestimmt. Jedoch bin ich der Meinung, dass die Glaubwürdigkeit einer solchen Organisation dann steigt, wenn der Aufklärende eine möglichst neutrale Haltung einnimmt, um das Thema seriös und objektiv von allen Seiten zu beleuchten. Schließlich soll lediglich eine aufklärende Rolle eingenommen werden – der Interessent bzw. User soll sich im Anschluss seine eigene Meinung darauf bauend bilden können und gegebenenfalls den Konsum unterlassen oder ihn zukünftig bewusster betreiben. Die Aufgabe von Drogenaufklärungsinitiativen sollte nicht darin bestehen, Drogen plakativ zu verteufeln, da damit den negativen Folgen nicht entgegengewirkt wird. Dies lässt sich bereits bei Jugendlichen beobachten, die sich das erste Mal an der verbotenen Zigarette oder etwa dem Alkohol versuchen. Vielmehr geht es darum, Unerfahrene korrekt aufzuklären und Konsumenten zu einem risikobewussten und verantwortlichen Drogenkonsum zu verhelfen. Die Darbietung realistischer und sachlicher Informationen ist demnach Voraussetzung. Darüberhinaus können auch „Drug-Checking“-Angebote, wie es sie beispielsweise in der Schweiz gibt, hilfreich sein. Dort können Konsumenten anonym ihre eigenen Substanzen analysieren sowie sich über deren Inhaltstoffe und mögliche Wirkungen aufklären lassen. Denn bisherige Aufklärung scheitert auch darin, zu verschweigen, dass viele gesundheitliche Probleme in Folge von Drogenkomsum nicht durch die Droge selbst, sondern durch schädliche, ihr beigefügte Streckmittel entstehen.

Verbotspolitik scheitert

Eine ähnliche Problematik wie bei der Abschreckung besteht darin, dass die Politik falsche Schlüsse aus den Folgen des Drogenkonsums zieht und – wie so häufig – nur die Symptome behandelt. Dies zeigt beispielsweise eine aktuelle Analyse über die zweckwidrige Wirkung des pauschalen Cannabis-Verbots von Mischa Hauswirth. Aus ihr geht hervor, dass jährlich mehrere Hundert Millionen Euro in die Cannabis-Repression investiert werden. Dies ändere allerdings weder etwas am Angebot noch an der Nachfrage. Lediglich die Kriminalisierung steige und Dealer sowie international operierende Kartelle profitierten davon. Daraus schließe ich ebenfalls, dass Verbotspolitik und eine kompromisslose Anti-Haltung in diesem Bereich scheitern. Kompetente Aufklärung, Konsumentenschutz sowie eine Sichtweise, die nicht mit Vorurteilen besetzt ist sind die Stichwörter für einen kontrollierteren Drogenkonsum in unserer Gesellschaft! Zwei Initiativen, die auf neutrale und objektive Weise aufklären und kompetent informieren, sind dem Kommentar beigefügt.

www.drogen-info-berlin.de
www.eve-rave.ch

Bild: SAG NEIN ZU DROGEN